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Goten wollen nur spielen

Deutschland
Von Jürgen Herda   auf Facebook posten  Auf Twitter posten  
Schwedens sanftmütig eigensinnige Südostseeinsel Gotland: Zwischen Wikinger und Villa Kunterbunt
Sie haben ihre Wiege gut versteckt, die Goten. Ob sie nun in Västergötland mit der Stockholms Städterivalin Göteburg steht oder in Östergötland mit dem Götakanal, auf dem man mit der Juno, einem Oldtimer-Passagierschiff, an der skandinavischen Schlösserstraße vorbeigleitet, selbst die Schweden wissen es nicht genau. Und wenn sich zwei streiten, kommt, Sie ahnen es, die lachende Dritte ins Spiel: „Es gibt auch Theorien, nach denen die Goten von der Insel Gotland stammen“, gibt Wikinger-Chef Jakob Hellgren auf unser Nachbohren zu. Sicher ist hier auch ein wenig der Wunsch Schwippschwager des Gedankens, lässt sich daraus doch ein schöner, roter Faden ableiten.
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"Was für eine schöne Rauferei", sagte der Normanne bei Asterix und schlug Erik, den Entdecker versöhnlich auf den Rücken. Diese Neo-Wikinger raufen in Dänemark.

Hier im düsteren Langhaus des Wikingerdorfes von Tofta wähnen wir gerne die Brutstätte jener „Nordmänner“ gefunden zu haben, die irrtümlicherweise Wikinger genannt werden. Denn vor uns türmt sich ein blonder, bärtiger Hüne auf, dessen beowulfisches Gesicht vom spärlichen Licht, das durch dem Kaminabzug in dieses nordische Fersamlungshuset dringt, dramatisch modelliert werden. Bedeutet doch „Wiking“ nichts anders als eine Reise, eine lustige Bootsfahrt also, wie Asterix bei den Goten erfuhr. Und man höre und staune: Nur knapp zehn Prozent der Urskandinavier gehörten dieser ehrenvollen Entdeckerkaste an, die nicht nur Europa bis zum Bosporus bereiste und den Nahen Osten noch vor den Kreuzfahrern unsicher machte, sondern auch weit vor dem desorientierten Indiensucher Kolumbus Amerika entdeckten.
Jakob erklärt die Wikingerwelt.

Gut genährte Wikinger
Wobei, was heißt hier unsicher machen? „Man glaubt heute“, doziert Jakob mit dem kleinen mittköpfigen Haarzopf der Innuits, „dass es sich bei den angeblichen Raubzügen um ein bedauerliches Missverständnis gehandelt hat.“ Man muss sich das mal vergegenwärtigen: Im damaligen, dünnbesiedelten Schweden – nicht zu vergessen Dänemark, Norwegen und Finnland – teilten sich knapp eine Million Einwohner in der vorchristlichen Blütezeit zwischen 733 und 1066 – damit wir es uns besser merken können – ein ausreichendes Nahrungsangebot. 70 Prozent der alten Vorschweden waren Farmer, 20 Prozent Händler. Im Endeffekt dürfte es sich bei den Vorfahren unserer reizenden Gastgeber auch nur um verspielte Wohlstandwikinger gehandelt haben – während sich Jakob und Michael am Turnierplatz mit Pfeil und Bogen, Äxten und Säcken austoben, tourte die nordische Elite eben entlang der Küsten.

„Sie waren gut genährt und im Schnitt so groß wie wir heute“, blicken wir zu Michael hoch, der einen Kopf größer ist als wir. „So müsst ihr euch das vorstellen“, fährt der sanfte Riese fort, „da kommen an der Küste Englands, wo die Leute damals im Schnitt 1,60 Meter klein waren, 1,80 bis 1,90 große Burschen an, hatten ein Schwert umhängen und schrien in einer unverständlichen Sprache.“ Eigentlich wollten sie nichts anders als Handel treiben, aber als die angelsächsischen Zwerge begannen, auf die Gäste loszugehen, erwies sich nicht nur die Körpergröße als Hindernis für die Gastgeber: „Es war bei den Normannen üblich, dass man schon von Kindesbeinen an lernte, sich zu Wehr zu setzen, da sich das bei den gefährlichen Handelsfahrten als unabdingbar herausgestellt hatte.“ Die kampferprobten Handelsreisenden teilten also ein paar Watschen aus, die Mönche ließen sich schnell überzeugen, kruschten ihre Wertgegenstände hervor und die Wikinger zogen ab.
Das Kloster Lindisfarne sollen die Wikinger 733 überfallen haben.

Die Nordmänner halfen den Mönchen, in Armut zu leben
Man kennt das ja von den römischen Soldaten bei Asterix: In ihrem Bericht in dreifacher Ausfertigung an den Bischof, den Militärführer und den König, wurde aus der Handvoll rauer Seemänner, die 733 erstmals urkundlich verbrieft ein Kloster überfallen haben soll, dann „Boten der Hölle mit riesigen Hörnern auf den Köpfen, die mit ihrer Übermacht alles niedermachten, was nicht bei drei auf den Bäumen war“. Die übliche Geschichtsschreibung halt. Laut Jakob machte die Wikinger diese seltsame Begrüßung erst einmal ratlos, später machten sie sich die Sitten und Bräuche fremder Länder dann durchaus zunutze: „Die Klöster gaben ja vor, in Armut leben zu wollen“, erinnert Jakob an die christliche Doppelmoral. „Die Wikinger sagten: ,Wir helfen euch dabei.‘ Die Saga sprach sich herum und die Nordmänner mussten nur noch die Hände aufhalten.“

Ob sich diese Geschichte so oder so ähnlich zugetragen hat, ist eine Glaubensfrage. Denn Geschichte wird von den Siegern geschrieben und das waren nach 1066 und William, dem Eroberer, nun mal leider die bigotten Christen. Damit verschwand allmählich auch aus Skandinavien eine fortschrittliche Kultur, die wissenschaftlich weiter war als die der abergläubischen Reliquienhändler aus dem Nahen Osten, eine bäurisch-bodenständige Kultur, die in Ansätzen demokratische Versammlungen abhielt, bei der die Frauen das letzte Wort hatte und deren Religion auch nicht diffuser scheint als die Vorstellung von der göttlichen Dreieinigkeit oder der verklemmten Jungferngeburt Jesu.
Hier im düsteren Langhaus des Wikingerdorfes von Tofta thronte einst der Wikinger-Chef.

Späte Rache der Gotländer
Schwamm drüber, es ist wie es ist, und immerhin verdanken die Gotländer der engagierten Christianisierung im Hochmittelalter die im Norden einzigartige Dichte von 92 Landkirchen auf 3140 Quadratkilometern. Die meisten dieser Steinkirchen hatten hölzerne Vorgänger, sind romanischen Ursprungs, zweischiffig und waren ursprünglich farbenfroh ausgestattet – Reste davon sind noch heute auf fast allen Kirchenwänden zu sehen, bevorzugt im Chor, so wie die hochhängenden, maritimen Kirchenschiffe, die buntbemalten Bänke und Kanzeln späteren Datums.

Die Reformation kam für die Insulaner freilich wie gerufen: So konnten sie die freiheitsliebenden Bauern an den frühchristlichen Missionaren doch noch rächen – und an Dänenkönig Valdemar Atterdag, der 1361 angeblich durch Verrat einiger reicher Kaufleute die Insel überfiel, das reiche Visby einnahm und der bürgerlichen Freiheit auf Gotland ein jähes Ende setzte. Wie zum Hohn ragen heute innerhalb der Stadtmauern der einst mächtigen Hansestadt zahlreiche Ruinen gotischer Kirchenbauten in den windigen Himmel: steter Unabhängigkeitstropfen höhlt auch den gröbsten Kathedralenstein.
Wikingerdorf Tofta auf Gotland.

Märchenhafte Rauken der Eiszeit
Andere Steine hat das Meer gehöhlt. Lange bevor Missionare, Reformatoren, ja sogar Wikinger das Land bevölkerten. Die Rauken entlang der Küste, gewaltige Steine, wie Obelisken, nur nicht von Obelix behauen, sondern von der Brandung geformt. Als sich nach der Eiszeit von vor 10.000 Jahren der gefrorene Panzer langsam zurückzog und die Insel aus dem Meer auftauchte, hielten diese steinernen Wächter der Ostsee-Gischt stand. Heute strecken sie, ihrer ursprünglichen Bestimmung entfremdet, einige hundert Meter von der Küste entfernt, ihre kalkenen Fäuste, Nasen und Kinne in den gotischen Himmel.

Kurios angeordnet überlebten auch die steinernen Erben des Bronzezeitalters die Zeitläufte: Die Jäger Fischer und Tierzüchter zwischen 1800 und 400 vor Christus errichteten ihre Gräber häufig wie in Gnisward in Form riesiger Schiffe, deren Umrisse durch große Steine markiert werden. In Hjulkosgraven bei Stenkyrka bilden sorgsam ausgewählte Brocken die Speichen eines Sonnenrades, in dessen Nabe sich zwei Urnen-Gräber befinden – die Bronzegoten verbrannten und zerkleinerten die Knochen ihrer Verstorbenen. All diese verwitterten Erinnerungen an längst vergangene Erdzeitalter breiten ihre Muster auf jenen für Schweden so typischen Boden aus, dessen Moos rostbraun blüht und auf dem die violetten Rispen der Lupinen und die kleinen gelben Köpfe der Butterblumen die schwedische Flagge nachzuahmen scheinen.
Pippi Langstrumpfs Villa Kunterbunt im westgotländischen Vergnügungspark Kneippbyn

Villa Kunterbunt auf dem vergessenen Gotland
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Nichts läge den Gotländern heute ferner als eine Unabhängigkeitserklärung: „Näää“, sagt der bärtige Erik, Schwager unseres Vermieters und Seemann in jungen Jahren, „wir wollen keine Autonomie.“ Natürlich sei er Schwede. Schon deshalb, weil die Gotländer vom Handel mit dem Festland immer profitiert hätten. In früheren Jahrhunderten wurden sie reich durch den Export ihres ausgezeichneten Kalk- und Sandsteins – bis nach Kontinentaleuropa und Amerika, fügt Erik hinzu, der aus Slite stammt, wo Gotlands letztes Zementwerk steht. „Im 18. und 19. Jahrhundert gab es die Kalkbarone, die entlang der Küsten in sogenannten Kilns, häusergroßen Brennöfen, den Baustoff verdelten.

Es ist nur so, dass sie sich ein ganz kleines Schlupfloch offen halten möchten, ein psychologisches Freiheitsfenster sozusagen: „Als Schweden im 20. Jahrhundert Norwegen in die Unabhängigkeit entließ, wurde akribisch aufgeschrieben, was zu welchem Staat gehören sollte“, grinst Jakob, „nur Gotland wurde dabei vergessen.“ Zur subtilen gotlandesken Querköpfigkeit passt sehr gut das Symbol einer kindlichen Anarchie, das keine Schriftstellerin besser beschrieben hat als Astrid Lindgren: Pippi Langstrumpfs Villa Kunterbunt – das Original aus dem schwedischen Kinderfilmklassiker – steht mitten im westgotländischen Vergnügungspark Kneippbyn. Und welche Wirkung dieses Widerstandsnest noch heute auf die heranwachsende Playstation-Generation ausübt, könnte man mit einem Dezibel-Messer nachweisen: Nirgends in Schweden trafen wir auf lärmendere Rabauken als im Umfeld vom kleinen Onkel, Herrn Nielson und den Piraten – sie kreischten, dass selbst dem Oskar mit der Blechtrommel mulmig würde. Als wollten sie sagen: „Liebe Eltern, das war wohl nichts mit dem Ruhigstellen!“
Hägar und die Wikinger.


Dieser Artikel ist Teil der Tour "Tour de Elch"
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